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stag = 129,29 sges = 2.408,27 km

t = 7:00:46 vmax = 64,8 km/h

Wetter: von Morgens bis abend schön und heiß, zum Glück auch (Rücken)wind.

Schreiben des Tagebuches: 20:39 (+1)

Beim Packen bemerkte ich, dass der Packsack ein Loch hatte - am Gepäckträger aufgescheuert...

Mit meinen Gastgebern hatte ich verabredet, dass ich ihnen gegen 8 acht Uhr die Schlüssel zurück geben würde. Ich war pünktlich da, Iltscho E. ebenso. Er bedauerte wie ich, dass wir so sehr wenig Zeit füreinander hatten. Wir schwatzten noch ein wenig, ich fragte nach der Richtung, die ich pi mal Daumen einschlagen musste, um zur türkischen Grenze zu gelangen, dann verabschiedeten wir uns.

An einer großen Kreuzung ohne hilfreiche Beschilderung fragte ich eine Polizeistreife - ja, ich war auf der E87. Wenig später überholte mich ein roter PKW und fuhr auf den Standstreifen. Heraus sprang Iltscho, den ich verwundert begrüßte. Er wollte gern die Schlüssel für das Zimmer in der Gemeinde haben. 0o Am Morgen hatten diese wir über unserem Gespräch ganz vergessen. Er wurde erst daran erinnert, als seine Frau ihn nach den Schlüsseln fragte... Kurz darauf sah ich die trampenden slowakischen Studenten, die ich gestern am Strand getroffen hatte. Sie stiegen gerade in einen PKW, der für sie angehalten hatten.

Da ich ob der kürzeren Strecke dem Verlauf der E87 weiter folgen wollte, ließ ich die vermutlich schönere Route entlang des Schwarzes Meeres links liegen. Als ich die Reise vor Monaten plante, wollte ich von Burgas bis zum Bosporus die Küste des Schwarzen Meeres entlangfahren. Auf eine Anfrage bei der bulgarischen Botschaft erhielt ich die Antwort, dass es dort keinen Grenzübergang gibt. :( "Schwarz" wollte ich dort nicht über die Grenze, der nächstgelegene Grenzübergang war Kırklareli, wohin ich jetzt unterwegs war.

An der Abfahrt beim Straßenkreuz E87/B9 lief bei einem Schrotthandel ein giftigen Köter frei herum, der mich nicht ungeschoren vorbeilassen wollte. Ruckartiger Halt, anbrüllen und ein paar Steinwürfe in seine Richtung überzeugten ihn, dass mit mir nicht gut Wadenbeißen war.

Im Laufe des Vormittages gelangte ich in die ersten Ausläufer des Strandscha, eines Mittelgebirges, dessen höchster Berg der Mahya Dağı ist. Der Scheitelpunkt meiner Route dürfte bei 640 Meter über dem Meeresspiegel gelegen haben, von dem ich heute gestartet war.

Die Gegend war nicht mehr so dicht besiedelt, die Dörfer an der Straße wurden seltener . In einem standen zwei Jungs am Straßenrand, von denen einer nach Tuscheln mit dem anderen einen Stein aufhob und in meine Richtung zielte. Ich zeigte ihm den Stinkefinger, worauf er die Hand verwirrt-verwundert sinken ließ. Hatte ich nicht richtig hingeschaut, oder was war das? Zwei Häuser weiter kamen Kinder angelaufen und winkten.

Ich sah auch einen Unfall, zwei PKW standen leicht beschädigt am Straßenrand, die Fahrer unterhielten sich unaufgeregt. An der Straße wuchsen sehr viele Brombeersträucher, von denen ich hier und da aß. In den Bergen standen viele Obstbäume am Straßenrand: Äpfel, Pfirsiche und Birnen hingen daran. An einem Baum sah ich Birnen, die in einen Plüschpelz gehüllt schienen, leider waren sie noch nicht reif.

Die Anstiege wurden steiler und länger, so dass ich bergauf des öfteren schob. Lästig wurden dabei eine kleine Art Fliegen, die ganz dicht vor dem verschwitzten Gesicht herumschwirrten. Ich wollte keine einatmen, aber verscheuchen ließen sie sich nicht. In den Bergen sah ich zwei oder drei Lager von Zigeunern.

Als ich wieder einmal bergab sauste, sah ich im Tal einen Radlader auf der Brücke stehen, der Fahrer stand am Geländer und rauchte - ich glaube, er hatte mich vor einiger Zeit bergauf überholt, indes ich ihm sehnsüchtig nachschaute. Während ich bergauf pedalierte, hörte ich den Radlader von hinten nahen. Der Fahrer bedeutete mir, mich am Hydraulikkolben festzuhalten, er würde mich ins Schlepp nehmen. Nach zwei Versuchen gelang es. Ganz ohne Risiko war die Angelegenheit nicht: Der Radlader wippte wie jedes Fahrzeug mit voluminösen Reifen stark bei Unebenheiten - das Gelenk der Schaufel ging dabei höchstens zehn Zentimeter neben meinem Lenker auf und nieder, die Entfernung war durch reine Muskelkraft zu halten. Noch aufregender wurde die Sache, wenn uns LKW entgegen kamen und der Radlader weiter nach rechts fahren musste. Mir blieben dann etwa zehn Zentimter Straßenbelag, daneben ging es aufs geschotterte Bankett. Um nicht zu nahe an meinen Abschlepper zu geraten, hielt ich dabei das Fahrrad mit großer Anstrengung nach rechts geneigt. Bergab rollte ich aus eigener Kraft und hängte mich an der nächsten Steigung wieder ein.

Leider gelangten wir nach drei oder vier Hügeln nach Malko Tarnovo, dem Ziel des Radladers. Ich bedankte mich mehrmals bei dem Fahrer und fuhr weiter bergauf Richtung Grenze.

Als ich die unendlich scheinende Steigung entlang schob, fragte mich ein Autofahrer auf englisch, ob diese Straße zur Grenze führe. Beim ersten Mal hatte ich überhaupt nicht hingehört, so versunken war ich in Gedanken. Nachdem er die Frage wiederholt hatte, sagte ich: "I hope so." :)

Kurz vor der Grenze fuhren zwei Radler mit Packtaschen an mir vorbei, während ich schob. Mich packte der Ehrgeiz und in Kürze hatte ich sie eingeholt. Es waren Felix und Derek (?), zwei Briten, die die ganze Strecke von Großbritannien bis hierher geradelt waren.

An der bulgarischen Grenze mussten wir ohne ersichtlichen Grund warten, bevor wir zur eigentlichen Abfertigung fahren durften. Als wir auf eigene Faust losfuhren, wurden wir von der Abfertigung zur Wartestelle zurückgeschickt, von der aus wir gleich wieder zur Abfertigung geschickt wurden - jetzt waren wir dran.

Am türkischen Übergang sagte der Posten, dass die Briten ein Touristenvisum benötigen, ich war "free to go". Während Felix und Derek ihre Visa holten, wartete ich in der Halle und achtete auf unsere Fahrräder. Nachdem die Warteschlange von einem Schalter zum anderen und wieder zurück gewechselt war, hatten alle ihre Visa erhalten und wir fuhren weiter. Am nächsten Kontrollpunkt sagte der Posten, dass in meinem Pass ein Stempel fehle. Grmpf! Die Engländer meinten zu mir, dass sie die Beamten am Schalter gefragt hätten, ob ich kein Visum oder Ähnliches brauche, was diese ebenso verneint hatten wie der erste Grenzer. Leicht verärgert wendete ich, um mir den Stempel zu holen, während die Engländer einen Rastplatz suchen und dort auf mich warten wollten.

Es dauerte nicht zu lange, bis ich den Stempel hatte und schließlich auf türkischem Boden unterwegs war. Endlich ging es bergab! Es waren umfangreiche Bauarbeiten im Gange, die Straße wurde komplett erneuert. Momentan bestand sie aus einer festen Schotterpiste, auf der jedes Auto enorm viel Staub aufwirbelte. Nachdem ich ein paar Serpentinen hinter mich gebracht und bis dahin nichts von den Engländern gesehen hatte, riefen ein paar Bauarbeiter hinter mir her. Die beiden Radler hatten sich einen schattigen Platz im Wald direkt an der Straße gesucht, akustisch wurden wir von den Bauarbeiten bestens unterhalten.

Wir mahlzeiteten beinahe opulent: Sie hatten unter anderem Chips und Käse, ich steuerte ein paar der leckeren Würste aus Burgas bei. Knoblauch wollten sie eigenartigerweise nicht. Wir tauschten uns über das Woher und Wohin aus: Sie wollten nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium noch einmal richtig Spaß haben, ehe sie mit dem Arbeitsleben begannen. Ihr Ziel war, Damaskus mit dem Fahrrad zu erreichen. Allerdings wollten sie, wenn es noch erheblich wärmer würde, einen Teil der Strecke mit dem Zug fahren. In Bulgarien waren sie nur "große" Straßen gefahren und zeigten Interesse an meiner Route auf kleinen Straßen. Im Gegensatz zu mir hatten sie die Straße entlang des Schwarzen Meeres genommen, worum ich sie beneidete. Sie waren aber nicht so begeistert: Es habe viele Touristen, viele Häuser, viel Verkehr, viel Auf und Ab und nur wenig schöne Aussicht gegeben. Über den weiteren Verlauf waren wir drei uns nicht sehr klar, im Schnitt fuhren sie am Tag einige Kilometer weniger als ich. Sie schenkten mir ihre Karte von Bulgarien, auf der auch Thrakien verzeichnet war: "You must not go without a map!", wofür ich sehr dankbar war.

Nachdem wir uns gesättigt, ausgetauscht und erholt hatten, fuhren wir weiter nach Süden. Bis Kırklareli ging es fast nur bergab, die meisten der kleinen Steigungen konnten wir mit unserem Schwung bezwingen. Am Nachmittag rasteten wir im Schatten ein paar dürftiger Sträucher, der einzige, den wir fanden. Dann ging es in vollem Galopp weiter. Der Straßenbelag war zwar ziemlich ausgefahren, aber in den Spurrinnen glatt und eben. Einige Kilometer vor Kırklareli sah man wenige Meter neben und unterhalb der alten Straße, auf der wir fuhren eine neu gebaute, die allerdings noch nicht frei gegeben war.

Als ich einen Berg wieder mit etwa 50km/h hinunter fuhr, knackte es hinter mir, gleich darauf hörte ich ein lautes Schleifen. Erschrocken bremste ich so stark wie möglich und fuhr rechts ran - auf das geschotterte Bankett. Das Vorderrad blockierte und rutschte weg, aber ich sprang schnell genug ab, so dass das Fahrrad ohne mich stürzen konnte.

Die andere Schraube des Gepäckträgers war gebrochen. Großartig! Einer der Engländer suchte nach der verloren gegangenen Schraube, was ziemlich aussichtslos war. Zum Glück hatte ich die in Serbien abgebrochene Schraube aufgehoben, mit der wir den Gepäckträger wieder anschrauben konnten. Für eventuelle zukünftige Katastrophen gaben sie mir etwa 70 cm Stahldraht.

Als wir Kırklareli erreichten, machten wir an der ersten Kreuzung halt. Dort konnte man in die Stadt abbiegen oder einer Umgehungsstraße folgen. Da die Briten ein Zimmer nehmen wollten, ich aber im Freien übernachten, verabschiedeten wir uns voneinander. Vielleicht würden wir uns in Istanbul wiedersehen?

Die Kreuzung, an der wir hielten, wurde von einer Kamera überwacht. Richtig bewusst wurde mir das erst, als ein Polizist aus dem Bürocontainer nahe der Kreuzung auf uns zu kam und fragte, ob es Probleme gäbe? Wir versicherten, das dem nicht so sei und befriedigten seine Neugier. Er machte mit der Kamera der Briten ein Foto von uns drei Radlern. Die Engländer brachen bald auf, ich fragte den Polizisten noch, ob es einen Campingplatz in der Nähe eines Sees gäbe. Er wusste leider von keinem. Er bot mir gekühltes Wasser an, mit dem ich dankend meine Vorräte auffüllte. Während ich damit beschäftigt war, achtete ich nicht sehr auf meine Umgebung. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass der Polizist einen LKW stoppte und eine gekühlte Dose Coca-Cola organisierte. Er bot mir auch Zigaretten an, was ich aber dankend ablehnte. Nachdem ich die Adresse meiner Internetseite hinterlassen hatte, sagten wir uns adieu.

Kurz danach traf ich einen Liegeradler, der aus der anderen Richtung kam. Leider war mein Tschechisch und sein Englisch sehr rudimentär, so dass wir uns nur wenig austauschen konnten.

An der nächsten großen Ampelkreuzung winkten und riefen ein paar Kinder, die es sicher gern gesehen hätten, wenn ich angehalten wäre. Kırklareli hatte ich schnell durchquert, die Straße war wunderbar. Zwei Fahrspuren und ein breiter Standstreifen pro Richtung, der Asphalt wie neu, glatt und ohne Risse. Auf den Wegweisern war die Entfernung nach Istanbul mit 200 km angegeben.

Was ich aber nicht sah, war ein geeigneter Platz zum Übernachten. Die meisten Flächen waren landwirtschaftlich genutzt, der Rest eben, ohne Sichtschutz oder verwildert. Schließlich nahm ich Quartier auf dem Gelände eines stillgelegten Betriebes. Die Gebäude sahen nicht alt aus, waren aber dennoch teilweise eingestürzt. Mein Lager schlug ich an einer Stelle auf, wo ein Feigenstrauch neben einer Mauer wuchs und vor Einblick von der Straße schützte. Aus umherliegenden Hohlblocksteinen wollte ich einen Windschutz bauen, der ob des schwachen Windes eigentlich nicht viel Sinn hatte - aber wenn man basteln kann...

Weit kam ich vorerst nicht, denn als ich den dritten Stein anpackte, wurde ich sofort in den Finger gestochen. Schon wieder! In dem Stein hatten Wespen ein Nest gebaut. Ich warf ihn in hohem Bogen weg und verfuhr auf bewährte Weise: Ich aß Abendbrot und drückte frisch abgebissenen Knoblauch auf den Stich. Übrigens war es der Finger, der in Belgrad bei dem Unfall eingequetscht wurde.

Nachdem ich das Lager fertig gebaut hatte, duschte ich mit zwei Litern Wasser. Die Umgebung konnte man nicht wirklich erkunden. Wo sich keine Wege befanden, wucherte stacheliges Gewächs und dorniges Gestrüpp, durch das ich mit meiner kurzen Kleidung und Sandalen nicht laufen mochte.